Mauretanien
Nationalpark Diawling bis zur senegalesischen Grenze
Für die Einreise wählen wir bewusst nicht den großen Grenzübergang in Rosso – zu viele Warnungen vor Korruption. Stattdessen steuern wir den kleineren Übergang bei Diama an. Die Straße beginnt vielversprechend neu asphaltiert, doch bald verwandelt sie sich in eine wilde Piste, die nur mit 4×4 zu bewältigen ist. Genau unser Terrain.
Die Strecke führt durch den Diawling Nationalpark im Delta des Senegal-Flusses. Plötzlich verändert sich die Szenerie: Wasserflächen glitzern zwischen Schilfinseln, Vogelschwärme steigen auf, Reiher und andere Wasservögel finden hier Schutz. Nach all den staubigen Kilometern wirkt diese Landschaft fast surreal lebendig.
Kurz vor der Grenze schlagen wir noch einmal abseits der Piste unser Nachtlager auf. Morgen wartet die Grenzquerung – mit all ihren Unwägbarkeiten. Heute genießen wir die Stille. Und hoffen, dass der Iveco durchhält.







Tiguent ein kleiner Ort auf der Strecke Richtung Senegal
Nuakschott selbst reizt uns wenig. Ein riesiges, staubiges Molloch, das wir einmal durchqueren müssen. Zwischen hupenden Autos und geschäftigem Treiben decken wir uns bei Straßenhändlern mit frischem Obst und Gemüse ein. Während wir handeln und auswählen, wächst die Vorfreude: Bald wieder ein „richtiger“ Supermarkt im Senegal – nach Wochen in der Wüste fast schon ein Luxusgedanke.
Die Temperaturen sind inzwischen auf 36 °C geklettert. Also suchen wir uns einen Übernachtungsplatz in der Nähe des Atlantischen Ozean. Ein kräftiger Wind weht vom Meer herüber und bringt wohltuende Abkühlung. Für einen Moment fühlt sich alles leicht an.
Doch die Realität rollt auf vier Rädern mit: Unser Iveco macht wieder Sorgen. Dass er beim Thema AdBlue empfindlich reagiert, wissen wir inzwischen. Aber nun reduziert er zusätzlich die Motorleistung. Kein gutes Zeichen – vor allem nicht kurz vor der Grenze. Uns bleibt nichts anderes übrig, als eine Ferndiagnose anzustoßen. Es ist Sonntag, ausgerechnet Karnevalssonntag, und wir erreichen erst gegen 17 Uhr jemanden. Diagnosebox angestöpselt, Fehler gelöscht. Die Software regelt den Motor ab, weil angeblich die AdBlue-Konzentration zu hoch sei. Technik, die die Umwelt schützen soll – und uns stattdessen ausbremst.
Zwanzig Kilometer fahren wir ohne neue Fehlermeldung. Dann: alles wie zuvor. Immerhin – er fährt noch. Also Augen zu und durch. Unser Ziel ist die Zebrabar im Senegal, etwa 150 Kilometer entfernt. Ein Ort, der für viele Reisende fast schon Legendenstatus hat. Doch das ungute Gefühl fährt mit.
Von der Oase Terjit 300km Richtung Nouakschott
Schweren Herzens nehmen wir Abschied von unserer kleinen Oase in Mauretanien. Mitte Februar kündigen sich die ersten Sandstürme an, und am 17. Februar beginnt der Ramadan – eine besondere Zeit, aber für uns auch das Zeichen, weiterzuziehen. Die Tage hier haben uns Kraft geschenkt. Jetzt ruft die Straße.
Unser Kurs führt Richtung Nuakschott. Die Landschaft präsentiert sich wie ein endloses Gemälde in Beige: flach, sandig, scheinbar ohne Anfang und Ende. Kilometer um Kilometer zieht sich die Weite dahin. Gemeinsam mit Charly und Martina rollen wir noch ein Stück, ein letzter Abend, uns läuft noch ein hochgiftiger Skorpion über den Sand – doch schließlich heißt es Abschied nehmen. Sie fahren zurück in den Norden, wir Richtung Süden. Es war eine wunderschöne Zeit des gemeinsamen Reisens, voller Gespräche, geteilter Erlebnisse und staubiger Pisten. Solche Begegnungen sind es, die unterwegs besonders zählen.





Zurück über Atar und zur Oase Terjit
Weltkulturerbe mit Licht und Schatten
Am nächsten Morgen treffen wir uns wieder – voller Erwartung. Chinguetti gilt als historische Stadt und UNESCO-Weltkulturerbe.
Es gibt 13 private Bibliotheken mit alten Handschriften und zwei Moscheen – die allerdings nur von außen zu besichtigen sind.
Die Altstadt ist ernüchternd. Viel Müll, viele verfallene Häuser. Gleichzeitig sieht man, dass restauriert wird. Es ist ein Ort zwischen Verfall und Erhaltungswillen.
Im Nachhinein erfahren wir, dass Ouadane – ebenfalls UNESCO-Welterbe – wohl besser erhalten sein soll. Doch das hätte für uns noch mehr schlechte Piste bedeutet.
In der Nähe von Ouadane liegt übrigens die Richat-Struktur, auch „Auge Afrikas“ genannt. Eine gewaltige ringförmige Felsformation, deren Entstehung bis heute nicht vollständig geklärt ist. Richtig beeindruckend wirkt sie allerdings nur aus der Luft.
Reifenschaden und Abschied
Wir wollen Chinguetti verlassen und warten auf Volker und Martina – da kommt die Nachricht: Reifenschaden.
Also zurück. Die Ausfahrt ihres Campingplatzes war eng, ein scharfkantiger Stein hat den Reifen aufgeschlitzt. Der LKW steht mitten in der Einfahrt. Gemeinsam wuchten wir das Ersatzrad drauf. Teamwork in der Hitze.
Doch es bleibt nicht dabei. Auf der Wellblechpiste hat sich auch noch ihr Kühlschrank selbstständig gemacht und entleert. Irgendwann reicht’s. Die beiden entscheiden, erst einmal aufzuräumen und uns ziehen zu lassen.
Spätestens in Atar hätten sich unsere Wege ohnehin getrennt – jeder mit anderen Plänen.
Also sind wir wieder zwei LKW.
Und das Beste: In Atar gibt es plötzlich wieder Geld! Die Automaten sind befüllt. Erleichterung pur.
Unser nächstes Ziel liegt 40 Kilometer südlich: die Terjit-Oase.
Nach all dem Staub, Wellblech und Stadttrubel klingt das wie ein kleines Versprechen auf Grün. Die Anfahrt zum Campingplatz ist steinig und eng, aber der Platz entschädigt für die Mühen. Wir bleiben 3 Nächte und relaxen erstmal.




Zwischen Marktchaos, Weltkulturerbe Chingutti und Wellblechpiste
Nach der Piste ist vor der Beschaffungsrallye.
Der nächste Morgen in Atar beginnt mit einem Geduldsspiel: Trinkwasser bunkern. Klingt einfach – braucht aber Zeit. Mit jeder Wassernutzung im angrenzenden Waschhaus sinkt der Wasserdruck. Irgendwann kommt nur noch ein müdes Rinnsal. Mehrere Stunden später sind endlich alle Fahrzeuge versorgt.
Währenddessen beschließen wir Damen, schon mal in die Stadt zu laufen und Lebensmittel zu besorgen.
Markttag in Atar
Heute ist Markttag – Glück für uns. Der „Bauernmarkt“ verteilt sich quer über die Straßen. Zwischen Gemüseständen wühlen sich Eselkarren, Autos, LKWs und eine nicht enden wollende Menge Menschen hindurch. Es ist laut, staubig, lebendig und stinkt.
Frisches Obst und Gemüse bekommen wir tatsächlich – alles andere ist schwieriger. In den kleinen Supermärkten ist das Angebot überschaubar. Viel Konserve, wenig Auswahl. Man spürt deutlich, dass wir in einem der ärmsten Länder der Welt unterwegs sind.
Und dann passiert das, was hier offenbar dazugehört: Ein selbsternannter „Helfer“ schließt sich uns an. Er vermittelt zwischen uns und den Händlern – ungefragt – und schlägt natürlich seinen eigenen Anteil oben drauf. Die Händler sprechen lieber mit ihm als direkt mit uns. Diskussion zwecklos. Also akzeptieren wir das Spiel, kaufen ein und ziehen weiter.
Bargeld? Fehlanzeige.
Bevor es weitergeht, brauchen wir eigentlich noch Geld. Tanken müssen wir auch. In Atar gibt es ganze vier Geldautomaten. Sandra läuft sie alle ab.
Ergebnis: keiner „flüssig“.
Kurz Panik.
Aber wir rechnen durch: Diesel haben wir, Essen auch. Wir wollen frei stehen, Restaurants liegen nicht auf der Strecke. Für unser nächstes Ziel reicht unsere kleine Reserve von rund 30 Euro. Und da Chinguetti in einer Sackgasse liegt, müssen wir sowieso wieder nach Atar zurück. Also los.
80 Kilometer Wellblech
Gegen 13 Uhr rollen wir endlich los. Laut Karte führt eine Straße nach Chinguetti. „Straße“ ist allerdings großzügig formuliert.
Zunächst ein besserer Feldweg, dann Baustelle. Immer wieder Umleitungen quer durchs Gelände, zurück auf unfertige Wellblechpisten. Unser Iveco tut uns leid. Es scheppert, klappert, rappelt an allen Ecken.
Einen Pass müssen wir durchfahren. Der ist besonders beeindruckend – schmale Spur, tief ausgefahrene Ränder. Zum Glück kommt uns niemand entgegen. Die Landschaft entschädigt: Tafelberge, tiefe Schluchten, spektakuläre Ausblicke.
Unterwegs machen wir noch einen Abstecher zu alten Höhlenmalereien – ein kurzer Moment der Ruhe zwischen all dem Gerüttel.
Als wir schließlich in Chinguetti ankommen, sind wir durchgeschüttelt und spät dran. Wir übernachten mit Charly und Martina draußen in der Wüste. Es ist ein schöner Abend mit Lagerfeuer unterm grandiosen Sternenhimmel. Volker und Martina haben genug vom Weichsand und ziehen einen Campingplatz vor.









Endspurt – raus aus der Piste, rein in die Realität
Tag 6 auf der Piste. Sand in jeder Tasche, Staub in jeder Ritze und trotzdem dieses Gefühl: Wir wollen gar nicht, dass es schon vorbei ist. Aber heute steht der Endspurt an. Ziel: Choum. Dort endet die legendäre Strecke entlang der Erzbahn. Die letzten Kilometer fühlen sich fast unwirklich an. Noch einmal Wellblech, noch einmal Sandfelder, noch einmal volle Konzentration. Und dann ist sie plötzlich da – die „Zivilisation“.
Choum – lieber außen rum
Choum selbst umfahren wir großräumig. Es wird immer wieder davor gewarnt, dass Kinder auf Fahrzeuge aufspringen oder sogar Steine werfen. Ob das immer so ist, wissen wir nicht – aber wir gehen kein Risiko ein. Abgesehen davon gibt es hier ohnehin nichts, was uns zum Anhalten bewegen würde. Also rollen wir weiter.


Atar – Pflichtprogramm statt Highlight
Nächster Stopp: Atar.
Auch hier gilt: Wer nicht hier war, hat nichts verpasst. Rein optisch zumindest. Aber Atar ist strategisch wichtig. Wenn man hier nicht alles auffüllt, wird es danach schwierig. Also steht heute Logistik statt Abenteuer auf dem Programm:
Diesel tanken (hier sind die Chancen am besten)
Wasser bunkern
Geld besorgen
Vorräte aufstocken
Gerade Diesel ist in kleineren Ortschaften Glückssache. In Atar bekommt man ihn meist zuverlässig – und das ist in dieser Region Gold wert.
Ein Abend ohne Sand im Essen
Nach Tagen im Staub gönnen wir uns etwas Luxus: Wir bleiben auf einem Campingplatz. Feste Sanitäranlagen, ein klar abgegrenzter Stellplatz – fast schon ungewohnt. Am Abend gibt es lokales Essen: Couscous mit Gemüse und Hühnchen. Einfach, ehrlich, richtig gut. Nach all den Pistentagen schmeckt es doppelt so intensiv. Wir sitzen zusammen, lassen die letzten Tage Revue passieren und spüren diese Mischung aus Stolz und Müdigkeit. Sechs Tage Offroad liegen hinter uns.
Die Piste ist geschafft, aber die Reise geht weiter.
Zu Besuch bei „Ben Aisha“ – der Frau von Ben Amera
Man erzählt sich hier eine Sage: Der gewaltige Ben Amera habe eine Frau. Ihr Name: Ben Aisha. Sie lebt rund sieben Kilometer entfernt.
Natürlich ist auch sie ein Monolith – aber einer mit einer ganz eigenen Ausstrahlung. Und weil es dort zusätzlich in Stein gehauene Kunstwerke geben soll, steht schnell fest: Da müssen wir hin.
Gegen Wind und Sand
Der Morgen begrüßt uns allerdings mit ordentlich Gegenwind. Und mit „ordentlich“ meine ich: Sand überall. In den Haaren, zwischen den Zähnen, in jeder Ritze des Fahrzeugs. Die Piste ist stellenweise kaum zu erkennen, verweht vom Sturm. Orientierung wird zur Geduldsprobe, und das Fahren macht heute einfach keinen richtigen Spaß. Wir tasten uns langsam voran. Konzentration statt Genuss. Die Landschaft wirkt durch den aufgewirbelten Sand fast gespenstisch – alles etwas milchig, konturlos, ständig in Bewegung.
Ein mystischer Ort
Als wir uns dem Ben Aisha nähern, taucht der Felsen wie aus dem Nichts vor uns auf. Dunkel, ruhig, standhaft gegen den Wind. Im Vergleich zum massiven Ben Amera wirkt er etwas filigraner – aber nicht weniger beeindruckend. Vielleicht sogar geheimnisvoller. Die in den Stein gehauenen Kunstwerke verleihen dem Ort eine besondere Atmosphäre. Es ist still hier. Keine Menschenseele weit und breit. Nur Wind, Sand und dieser Fels. Wir suchen uns ein halbwegs windgeschütztes Plätzchen am Fuß des Monolithen und schlagen unser Nachtlager auf. Die Hoffnung: Dass sich der Sturm bis zum Abend legt.
Zwischen Sturm und Stille
Der Wind rüttelt an den Fahrzeugen, zerrt am Markisenstoff und pfeift durch jede kleine Öffnung. Trotzdem hat dieser Ort etwas Magisches. Vielleicht liegt es an der Weite. Vielleicht an der Einsamkeit. Vielleicht an der Geschichte, die man sich über diese beiden Felsen erzählt. Als das Licht am Abend weicher wird, verändert sich die Stimmung. Der Sand glüht leicht im warmen Ton, der Fels wirft lange Schatten. Wir sitzen zusammen, schauen hinauf und sind uns einig:
Gut, dass wir hergefahren sind.
Der Ben Aisha fühlt sich anders an als sein berühmter „Ehemann“. Ruhiger. Mystischer.
Ein Ort, der bleibt.









Kurs auf den Giganten – unterwegs zum Ben Amera
Heute haben wir ein klares Ziel: weitere 140 Kilometer durch Sand und Stein, bis wir den zweitgrößten Monolithen der Welt erreichen. Den Ben Amera. Also Motoren an, Reifendruck im Offroad-Modus – und weiter geht’s.
Sand, Steppe, Stein – und wieder Sand
Die Landschaft wechselt ständig ihr Gesicht. Mal fahren wir durch steinige Passagen, dann wieder durch feinen, tiefen Sand. Eine besonders lange Weichsandstrecke bringt uns ordentlich ins Schwitzen. Die LKWs arbeiten, wir konzentrieren uns, bloß nicht den Schwung verlieren.
Und dann – ganz weit am Horizont – taucht er auf.
Erst nur ein dunkler Punkt. Dann eine Silhouette. Und mit jedem Kilometer wächst er. Der Ben Amera wirkt aus der Ferne fast unwirklich. Je näher wir kommen, desto klarer wird: Dieser Fels ist kein Hügel. Er ist massiv. Dominant. Fast einschüchternd.
Militärposten, „Fiche“ und viel Aufmerksamkeit
Bevor wir ihn erreichen, müssen wir in der kleinen Ansiedlung Ben Amera noch die Bahnlinie queren. Doch vorher heißt es wieder: Stopp am Militärposten. Freundliche, aber bestimmte Kontrolle. Also reichen wir – wie so oft in Mauretanien – unser „Fiche“ rüber. Ein Zettel mit allen relevanten Daten. Name, Passnummer, Fahrzeugdaten. Wer hier reist, lernt schnell: Immer genug Kopien dabeihaben.
Kaum stehen wir, kommen auch schon die Dorfbewohner. Sie umlagern unsere Fahrzeuge, bieten kleine Waren an oder fragen nach Geschenken. Es ist immer ein schmaler Grat zwischen Begegnung und Überforderung.
In solchen Momenten sind wir ehrlich gesagt ganz froh, Colin dabei zu haben. Unser Vierbeiner sorgt für eine gewisse Distanz – vor ihm haben die meisten ordentlich Respekt. Während die anderen beiden Fahrzeuge regelrecht umringt sind, bleibt es bei uns etwas entspannter.








Majestätisch und still
Und dann fahren wir direkt auf ihn zu.
Der Ben Amera erhebt sich wie eine Naturkathedrale aus der Ebene. Gewaltig. Majestätisch. Die schiere Größe ist schwer in Worte zu fassen. Man fühlt sich plötzlich sehr klein. Am Fuße des Felsens suchen wir uns einen Platz fürs Nachtlager. Die Stimmung hier ist besonders – ruhig, kraftvoll, fast ehrfürchtig. Schnell steht fest: Eine Nacht reicht nicht. Wir bleiben zwei.
Zeit am Monolithen
Die Tage verbringen wir damit, das Gelände zu erkunden, um den Felsen zu wandern, immer wieder neue Perspektiven zu entdecken. Das Licht verändert ihn ständig – morgens weich und golden, mittags hart und kontrastreich, abends glühend rot. Immer wieder kommen andere Overlander vorbei. Manche bleiben nur kurz für Fotos und fahren weiter. Andere gesellen sich zu uns, und plötzlich entsteht diese ganz besondere Wüsten-Gemeinschaft: Geschichten am Lagerfeuer, Erfahrungsaustausch, gemeinsames Staunen. Hier draußen, zwischen endloser Weite und diesem gewaltigen Felsen, fühlt sich alles ein wenig intensiver an. 140 Kilometer klingen nach Strecke. Aber heute fühlt es sich an wie eine Reise zu etwas wirklich Großem.
Nouadhibou entlang der Erzbahn









Start auf der Erzeisenbahn-Piste – Sand, Schweiß und starke Nerven
Mit Volker und Martina im Schlepptau sammeln wir erstmal Charly und Martina ein. Einmal große Begrüßungsrunde, dann geht’s ans Eingemachte: Reifendruck runter. Und zwar ordentlich. Ohne das läuft hier gar nichts.
Unser Einstieg liegt bei Boulenouar – zumindest theoretisch.
Weichsand direkt im Ort – ernsthaft?
Ein paar Ecken weiter wissen wir: Das wird sportlich. Mitten im Ort wartet schon der erste Weichsand. Und natürlich bleiben wir stecken. Klassiker. Wie sich später herausstellt, gäbe es einen einfacheren Einstieg außerhalb des Dorfes. Anfängerfehler Nummer 327 dieser Reise.
Für die Kinder im Dorf ist unsere kleine LKW-Karawane das Event des Tages. Sie kommen angerannt, lachen, winken – und fragen nach Geschenken. Eine schwierige Situation. Wem gibt man etwas zuerst? Und hört das Fragen dann jemals auf? Während wir noch überlegen, buddeln wir längst unsere beiden LKWs frei und lassen noch mehr Luft aus den Reifen.
Und siehe da – plötzlich läuft’s.
Schnell raus aus dem Dorf, auch wenn einige Kids sich kurzerhand hinten an die Fahrzeuge hängen, ein Stück mitfahren und dann wieder abspringen. Uns ist dabei nicht ganz wohl.
Wo ist eigentlich die Piste?
Kaum draußen stellt sich die nächste Frage: Wo genau geht’s weiter?
Der Wind der letzten Tage hat sämtliche Spuren verweht. Keine Fahrtrillen, keine Orientierung. Also fahren wir streng nach GPS-Track. Trotzdem kurven wir eine ganze Weile herum, bis wir endlich die richtige Linie erwischen.
Dann beginnt sie wirklich – die legendäre Piste entlang der Erzbahnlinie.
Der Sand wird etwas griffiger, aber es bleibt anstrengend. Am ersten Tag schaffen wir gerade einmal rund 30 Kilometer. Klingt wenig? Fühlt sich nach einem Marathon an.
Vor einer großen Düne schlagen wir unser Nachtlager auf. Kochen, kleines Feuer, dieser unglaubliche Sternenhimmel – und plötzlich ist alle Anstrengung vergessen.
Der längste Zug der Welt
Natürlich sehen wir unterwegs auch den berühmten Eisenerzzug von Société Nationale Industrielle et Minière. Bis zu 300 Waggons. Er gilt als einer der längsten planmäßig verkehrenden Züge der Welt.
Ein endloser Lindwurm aus Metall, der sich durch die Wüste zieht.
Hartgesottene springen tatsächlich auf die offenen Waggons und fahren die über 20 Stunden lange Strecke mit. Offiziell verboten. Aber für manche scheint das perfekte Foto wichtiger zu sein als gesunder Menschenverstand.
Katze an Bord und ein nächtlicher Besuch
Volker und Martina reisen übrigens mit Katze. Sehr zum Leidwesen von Colin, der regelmäßig vorgeführt bekommt, dass er definitiv nicht der Chef im Ring ist.
Spät am Abend sehen wir plötzlich ein Licht auf uns zukommen. In dieser Dunkelheit wirkt es fast unwirklich. Motorrad? Auto? Zug?
Nach einer gefühlten Ewigkeit taucht ein uralter Land Rover mit genau einem funktionierenden Scheinwerfer auf. Heraus steigt ein noch älterer Mann, der uns fragt, ob alles in Ordnung sei. Wir bejahen. Er nickt, steigt ein – und fährt weiter in die Dunkelheit.
Respekt. Wir haben tagsüber schon Mühe, die richtige Spur zu finden. Er fährt hier nachts – mit Minimalbeleuchtung.
Parallel zur Grenze
Die Piste verläuft fast parallel zur Bahnlinie – und damit auch zur Grenze zu Marokko, die hier schnurgerade durch die Landschaft verläuft. Wir fahren von West nach Ost.
Den Schienen sollte man allerdings nicht zu nahe kommen. Entlang der Strecke liegen unzählige Metallteile, zurückgelassene Ersatzstücke und Schrott von Reparaturen. Für unsere Reifen wäre das fatal.
Blechfriedhof in der Wüste
Am zweiten Tag passieren wir eine Stelle, an der der Zug wohl einmal entgleist ist. Verbogene Schienen, zerfetzte Waggons, Metallteile überall – ein gespenstischer Blechfriedhof mitten in der Wüste.
Während wir noch staunend zwischen den Wracks stehen, kommt tatsächlich wieder der Zug vorbei. Dieses Bild – rostige Überreste im Vordergrund, dahinter der endlose, rollende Erzkoloss – brennt sich ein.
An Tag zwei schaffen wir 140 Kilometer.
Als wir am Abend das Lager aufbauen, sind wir komplett durchgeschwitzt, müde und sandig bis in die letzten Ritzen. Aber genau dafür sind wir hier.
Die Piste fordert uns.
Und genau das macht sie so besonders.
Grenze nach Mauretanien und Nouadhibou
Man liest ja viel über diesen Grenzübergang. Von Chaos, von Bürokratie, von „Nimm dir Zeit“.
Was wir nicht wussten: Wie sehr das alles zutrifft.
Ausreise aus Marokko – Geduld ist alles
Der Plan klingt simpel: ausreisen, rüberfahren, einreisen. Fertig.
Die Realität beginnt mit Warten.
Während Rolf sich in die Schlange für den Fahrzeugscanner einreiht, kümmert sich Sandra um die Ausreisestempel. Zwei parallele Missionen. Am Scanner geht es langsam voran. Immer wieder werden schwer beladene Fahrzeuge vorgezogen – so vollgestopft, dass selbst die Spürhunde offenbar Unterstützung brauchen. Es dauert. Und dauert. Und dauert.
Nach mehreren Stunden halten wir endlich unser gescanntes Dokument in der Hand. Ein Zettel, der darüber entscheidet, ob es weitergeht oder nicht. Also weiter zum Grenzbeamten, Einreisekarte fürs Fahrzeug abholen, zum nächsten Schalter, dann zum Zoll, alles prüfen lassen – und schließlich wieder zurück, um die Karte abzugeben.
Ein kleines Behörden-Labyrinth. Aber irgendwann ist es geschafft: Schranke auf. Wir rollen los.
Niemandsland und Minenfelder
Der Grenzübergang Marokko–Mauretanien-Grenze beginnt mit rund 1,5 Kilometern Asphalt. Links und rechts türmen sich Müllberge im Niemandsland. Eine Szenerie, die gleichzeitig surreal und bedrückend wirkt.
Ganz wichtig hier: bloß nicht von der Straße abweichen. Das umliegende Gelände gilt als vermint. Also Augen geradeaus und strikt dem Asphalt folgen.
Und dann endet er. Einfach so.
Der Asphalt geht über in eine ausgefahrene Buckelpiste. Genau dort hat sich ein Sattelschlepper festgefahren – mittig aufgesetzt, keine Bewegung mehr möglich. Wir suchen uns vorsichtig einen Weg vorbei, schlängeln uns durch den Sand und erreichen schließlich die mauretanische Seite.
Bürokratie, die wir nicht verstehen – aber jemand anderes
Zum Glück haben wir am Vorabend einen „Fixer“ organisiert. Eine der besten Entscheidungen dieser Reise.
Unser bereits beantragtes E-Visum entpuppt sich nämlich nur als Voranmeldung. Das eigentliche Visum wird direkt an der Grenze ausgestellt. Also wieder von Gebäude zu Gebäude. Stempel hier, Unterschrift dort. Für uns ist das System nicht wirklich nachvollziehbar – aber unser Fixer kennt jeden Ablauf. Ohne ihn wären wir vermutlich noch immer unterwegs zwischen Schaltern und Formularen.
Bargeld schmilzt schneller als gedacht
Dann die Erkenntnis: Wir haben zu wenig Bargeld dabei.
An der Grenze wird fast alles in Euro oder Dollar bezahlt – bar. Und unsere Scheine wechseln erstaunlich schnell den Besitzer. Um mauretanische Währung zu bekommen, brauchen wir einen Geldautomaten. Problem: An der Grenze gibt es keinen.
Also heißt es umplanen und nach Nouadhibou fahren. Eigentlich lag die Stadt nicht auf unserer Route. Und sie gilt nicht gerade als Highlight. Aber manchmal bestimmt die Realität den Reiseplan.




Nouadhibou – Chaos auf vier Rädern
Charly und Martina fahren schon einmal weiter zum Campingplatz am Einstieg der Piste. Wir machen uns auf die Suche nach einem Geldautomaten – und haben überraschend Glück: Der erste funktioniert und ist sogar mit Bargeld gefüllt. Wie wir später erfahren, ist das keineswegs selbstverständlich.
Der Verkehr in Nouadhibou ist… sagen wir lebendig. Es scheint keine klaren Regeln zu geben. Jeder fährt, wie es gerade passt. Besonders auffällig: unzählige alte Mercedes C-Klassen, offenbar das Fahrzeug der Wahl hier. Man fragt sich gelegentlich, was an ihnen noch original ist – aber sie fahren. Und zwar unbeirrt.
Neue Reisegefährten
Wir übernachten in der Villa Maguela. Dort treffen wir auf Volker und Martina. Die beiden möchten die Erzeisenbahn-Piste nicht alleine in Angriff nehmen und fragen, ob sie sich anschließen können.
Natürlich können sie.
Aus zwei Fahrzeugen werden drei.
Und aus einer Grenzüberquerung wird der Auftakt zu einem neuen Kapitel unserer Reise.
